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Kindern Zukunft schenken – 62. Aktion von Brot für die Welt startet am 1. Advent

Kindern Zukunft schenken! Eine gute Idee, die Brot für die Welt und die Partnerorganisationen weltweit herausfordert. Beinahe jedes zehnte Kind im Alter zwischen fünf und 17 Jahren muss nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten – weltweit sind es 152 Millionen Mädchen und Jungen. Fast die Hälfte (73 Millionen) schuftet unter Bedingungen, die ihre Gesundheit, ihre Sicherheit und ihre seelische Entwicklung gefährden. Dazu zählen insbesondere die 4,3 Millionen Kinder, die Opfer von Zwangsarbeit und sexueller Ausbeitung  sind. 48 Prozent der arbeitenden Kinder sind jünger als 12 Jahre. Die meisten von ihnen leben in Afrike (72 Millionen), gefolgt von Asien (62 Millionen). Damit es nicht bei diesen nackten Zahlen bleibt, soll hier ein Projekt von Brot für die Welt aus Sierra Leone vorgestellt werden.

Sierra Leone In dem westafrikanischen Land ist die Armut so groß, dass Kinder oft zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Eine Partnerorganisation von Brot für die Welt ermöglicht Jungen und Mädchen, in die Schule zu gehen, und hilft den Eltern, ihr Einkommen zu erhöhen.

Mbalus Traum
Ihre Eltern starben an Ebola, sie wächst nun in einem kleinen Dorf bei den Großeltern auf: Mbalu ist acht Jahre alt. Jeden Tag verkauft sie Tabak und kümmert sich um den Haushalt. Zur Schule konnte sie lange nicht gehen. Doch nun gibt es Hoffnung.
Mbalu hat keine Zeit, zur Seite zu schauen, wo eine Handvoll Kinder toben und singen. Laut lachend rennen sie rund um den Dorfbrunnen. Doch Mbalu läuft weiter, vorbei an den kleinen Lehmhäusern mit Wellblechdächern, vorbei an grasenden Ziegen. Es ist später Nachmittag und drückend heiß in Maducia, einem kleinen Dorf im Yoni Chiefdom im Zentrum Sierra Leones. Obwohl sie es eilig hat, geht Mbalu aufrechten Schrittes, auf dem Kopf balanciert sie eine Schale, bis oben gefüllt mit Tabak, Zigarettenschachteln und in Blätter eingewickelten Kolanüssen. Vor allem die älteren Männer im Dorf kauen die bitteren Kerne. Über den Dorfplatz, aus dem Eingang einer Hütte, vom Hinterhof, ruft immer wieder jemand Mbalus Namen. Die Nachbarn kennen das fleißige Mädchen. Jeden Tag dreht es die gleiche Runde, ein bis zwei Stunden braucht es dafür. Will jemand etwas kaufen, kniet Mbalu sich in den roten Staub und wickelt ihre Schätze aus. Ihr Blick ist dabei konzentriert, geübt zählt sie die Scheine. Sie weiß genau, dass sie sich keinen Fehler erlauben darf. Wenn sie sich verzählt, etwas vergisst oder zu wenig verkauft, schimpft ihre Großmutter am Abend mit ihr.

„Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zum Spielen mit meinen Freundinnen, aber ich weiß, dass meine Oma Hilfe braucht“, sagt Mbalu. Sie ist erst acht Jahre alt und Vollwaise. Mbalus Vater starb vor fünf Jahren am Ebola-Virus, wie so viele Menschen hier in der Region. Alle Erinnerungen an ihn wurden verbrannt, aus Angst vor der ansteckenden Seuche. Mbalus Mutter verkraftete den Tod ihres Mannes nicht, sie wurde bald darauf krank und starb ebenfalls. „Sie wusste nicht, wie sie sich um ihr Kind kümmern sollte“, sagt Ya Namina Fullah, Mbalus Großmutter, die vor ihrem kleinen Häuschen sitzt. „Und auch wir wissen oft nicht, wie wir für Mbalu sorgen sollen.“ An ihren tiefen Falten und den harten Gesichtszügen lassen sich die schmerzvollen Erfahrungen ihres Lebens ablesen. Ihr Ehemann leidet seit Jahren an einer unheilbaren Augenkrankheit. Sein Blick ist verschleiert und trübe, er ist fast vollständig erblindet. Zusammen mit neun weiteren Familienmitgliedern leben die drei auf engstem Raum. Mbalu schläft zusammen mit den Großeltern in einem schmalen Bett. Die wenigen Habseligkeiten sind in Wäschekörben verstaut. Mbalus einziges Spielzeug ist ein Teddybär. Seine Knopfaugen sind längst ausgefallen.

Viel Verantwortung auf schmalen Schultern
„Meine Großmutter ist alt und schwach“, sagt Mbalu. Dass viel Verantwortung auf ihren Schultern lastet und sie alle Aufgaben der erwachsenen Frauen über-nimmt, ist für das Waisenmädchen Alltag: Am Morgen holt sie in schweren Krügen Wasser vom Dorfbrunnen und trägt das Feuerholz heran. Am Mittag kocht sie über der kleinen Feuerstelle im Hof Reis mit Palmöl und Maniokblättern, spült danach alle Schüsseln und Töpfe. Am Nachmittag, wenn sie von ihrer Runde durch das Dorf zurückkommt, wäscht sie und fegt den Boden.
Gut 110.000 Menschen leben im Yoni Chiefdom. Zwei Drittel der Kinder müssen arbeiten. Sie schuften auf Märkten, schleppen Säcke, verkaufen wie Mbalu Tabak, Gemüse, Obst oder getrockneten Fisch. Sie kümmern sich um den Haushalt, kochen, ackern auf Reisfeldern und Müllkippen. Viele gehen nicht in die Schule – oder nur an ein bis zwei Tagen in der Woche.

Pure Not zwingt die Kinder zu arbeiten
„Es ist die pure Not, die die Angehörigen dazu treibt, ihre Kinder arbeiten zu lassen“, sagt Mohammed Jalloh. „Viele sehen keinen anderen Ausweg.“ Jalloh ist Mitarbeiter der Siera Grass-roots Agency, kurz SIGA, einer Partnerorganisation von Brot für die Welt. Mit seinem Motorrad ist er ständig in den Gemeinden im Yoni Chiefdom unterwegs, geht von Haus zu Haus. Eines Tages kam der Sozialarbeiter auch nach Maducia. Er hielt Ausschau nach Kindern, die – wie Mbalu – arbeiten, während sie eigentlich zur Schule gehen müssten. Er sah das Mädchen und sprach mit ihm, fragte es nach seinen Lebensumständen. Eine Schule hatte Mbalu damals noch nie von innen gesehen. Während ihre Freundinnen im Unterricht waren, kümmerte sie sich um den Haushalt und versorgte den kranken Großvater.
Jalloh ist jemand, dem man schnell vertraut. Er hat einen sanften Blick, seine Stimme ist ruhig, er spricht leise. Immer wieder besuchte er Mbalu zuhause, sprach mit der Großmutter über die Zukunft des kleinen Mädchens. Für die Großmutter war es anfangs undenkbar, die Enkelin in die Schule zu schicken. Wovon sollten sie die Schulmaterialien bezahlen? Gleichzeitig machte sie sich Sorgen um die Zukunft des Mädchens: „Was soll nur aus ihr werden, wenn ich einmal sterbe?“ fragte sie. „Gerade darum ist es so wichtig, dass sie eine Perspektive hat, eine Ausbildung“, erklärte Jalloh ihr immer wieder.

Endlich Schule

Seit einem Jahr nun schlüpft Mbalu jeden Morgen in ihre blaue Uniform, die sie von SIGA bekommen hat, ebenso wie Hefte und Stifte, und schultert ihren bunten Rucksack. Mbalu wirkt wie verwandelt. Sie ist nun nicht mehr die tüchtige Verkäuferin, sondern ein kleines Mädchen. Die Schwere weicht aus ihrem Blick, die Augen strahlen. „Oft habe ich mich einsam gefühlt, weil ich keine Geschwister habe und ganz allein war“, sagt sie. Jetzt trifft sie jeden Morgen ihre beiden besten Freundinnen Fatmata und Adamsay, um mit ihnen gemeinsam zur Schule zu laufen. Sie kichern, machen Witze, stupsen sich gegenseitig an.
In ihrer Klasse gehört Mbalu zu den besten Schülerinnen. Sie sitzt in der ersten Reihe, ganz nah bei ihrem Lehrer John Sylvanus Fofanah. Wie ge-bannt hört sie ihm zu und wiederholt leise die Sätze, die er ihnen gerade beibringt: „This is a cat … This is a dog.“ Englisch ist ihr Lieblingsfach. „Das Lernen fällt mir leicht“, sagt sie. Beim Lesen macht sie schnell Fortschritte.

Bald wird Mbalu die Packungsbeilagen der Medikamente ihres Opas entziffern können. Und niemand wird sie mehr so leicht übers Ohr hauen können, weil sie immer besser rechnet. Ihre Arbeit wird für sie so einfacher.„Ich möchte den Menschen in meinem Dorf helfen“
Gemeinsam mit den Großeltern überlegen die Mitarbeitenden von SIGA bereits, wie sie das Einkommen der Familie so erhöhen können, dass Mbalu nicht mehr arbeiten muss. Die Großmutter hofft auf einen kleinen Kiosk neben ihrem Haus. „Wenn die Menschen im Dorf wissen, dass wir hier einen kleinen Laden haben, könnten sie direkt zu mir kommen“, sagt sie. Dann müsste die kleine Mbalu nicht mehr losziehen. Die Großmutter könnte Batterien verkaufen – etwas, was es nirgendwo sonst im Dorf gibt. Doch noch fehlt das Startkapital dazu. Die Mitarbeitenden von SIGA wollen die Großmutter unterstützen. „Aber nur unter einer Bedingung“, bläut Jalloh ihr im Gespräch immer wieder ein: „Du musst Mbalu weiter in die Schule schicken und dafür sorgen, dass sie nicht mit leerem Magen und zu wenig Schlaf aus dem Haus geht.“
Es war ein guter Tag für Mbalu, sie hat mehr verdient als sonst: 12.000 Leones hat sie am Abend zusammen, umgerechnet etwas mehr als einen Euro. Jetzt macht Mbalu es sich vor dem Haus bequem. Sie hat ein Schulheft vor sich auf den Boden gelegt und malt Buchstaben auf die Seiten. Mbalu bedeutet so viel wie „die Starke“. „Wenn ich groß bin“, sagt sie, „werde ich ein Haus bauen für meine Familie. Ich möchte Ärztin werden und den Menschen in meinem Dorf helfen.“ Mbalu weiß, dass noch ein langer Weg vor ihr liegt. Doch sie weiß auch, dass ihre Träume nun nicht mehr unerreichbar sind.

Anmerkung der Redaktion: Nach der Ebola-Epidemie 2014 fürchtet Sierra Leone durch die zunehmende Verbreitung des Coronavirus nun erneut den Ausnahmezustand. Seit dem 3. April sind die Schulen geschlossen, Kinder wie Mbalu können erst einmal nicht mehr lernen, sondern müssen wieder arbeiten. SIGA versucht, die Projektarbeit mit eingeschränkten Mitteln aufrechtzuerhalten. Es geht nun vor allem darum, die Menschen bei der Ernte und Weiterverarbeitung ihrer Produkte zu unterstützen.

Der Text ist aus dem Brot für die Welt Heft „Kindern Zukunft schenken“ Projekte und Positionen S. 18 – 19

Weiter Infos und Materialien zum Projekt finden Sie Hier!

Spendenkonto Brot für die Welt Bank für Kirche und Diakonie IBAN: DE10 1006 1006 0500 5005 00

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Michel

Michel

Michael Dipper ist Diakon in der Region Süd-Ost, mit Büro in Beverstedt. Er ist zuständig für das herausbringen des regionalen Programmhefts "Pocket Church", sowie für das Organisieren der Mitarbeiter-Wochenenden der Region und für die Weiterbildung im Bereich des Niedrigseilgartens. Kontakt: michel@freun.de

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